Warum ADHS-Medikamente den Appetit beeinflussen können

Veröffentlicht am: 01. Januar 2026
Zuletzt ärztlich geprüft am: 01. Januar 2026

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Porträt von Dr. med. Jens Westphal, Praktischer Arzt FMH und medizinischer Reviewer bei klaro-adhs.ch. Er begleitet Patientinnen und Patienten in der Schweiz bei der Abklärung und Behandlung von ADHS. Das Bild zeigt ihn vor einem klaro-Hintergrund als Teil des ärztlichen Teams für ADHS Schweiz.

Dr. med. Jens Westphal

ADHS-Spezialist und Facharzt für Allgemeinmedizin
Dr. med. Jens Westphal ist Facharzt für Allgemeinmedizin mit langjähriger Erfahrung in der hausärztlichen Versorgung sowie in der Betreuung von Patientinnen und Patienten mit ADHS und psychischen Begleiterkrankungen. Als Auto bei klaro-adhs.de verfasst er auf wissenschaftliche Inhalte zu ADHS, Diagnostik und Therapie im deutschen Gesundheitssystem.

Inhaltsverzeichnis

Viele ADHS-Medikamente, insbesondere Stimulanzien wie Methylphenidat oder Lisdexamfetamin, greifen direkt in den Hirnstoffwechsel ein. Ziel dieser Medikamente ist es, die Verfügbarkeit bestimmter Neurotransmitter wie Dopamin und Noradrenalin zu erhöhen. Diese Botenstoffe spielen eine zentrale Rolle für Aufmerksamkeit, Impulskontrolle und Motivation – also genau für jene Bereiche, in denen Menschen mit ADHS häufig Schwierigkeiten haben (Nanda, Dhar & Thokala, 2023).

Der gleiche Wirkmechanismus kann jedoch auch Nebenwirkungen verursachen. Eine der häufigsten ist Appetitlosigkeit. Dopamin wirkt nicht nur aktivierend, sondern kann auch das Hungergefühl dämpfen. Dadurch wird der natürliche Appetit oft unterdrückt, insbesondere in den Stunden nach der Einnahme, wenn die Wirkung am stärksten ist (Nanda, Dhar & Thokala, 2023).

Mögliche Folgen einer medikamentenbedingten Appetitlosigkeit:

  • Verminderte Nahrungsaufnahme: Mahlzeiten werden ausgelassen oder nur halb gegessen.Auf einem schlichten weissen Teller liegt nur eine einzelne Erdbeere, daneben eine dezente Tischdecke. Reduzierte Nahrungsaufnahme oder selektives Essverhalten kann bei Menschen mit ADHS Schweiz Teil der Symptomatik sein.
  • Ungewollter Gewichtsverlust: Besonders bedenklich bei Kindern, Jugendlichen und sehr schlanken Erwachsenen.
  • Nährstoffmangel: Zu wenig Kalorien bedeuten auch zu wenig Eiweiss, Vitamine und Mineralstoffe.
  • Körperliche Erschöpfung: Müdigkeit, Leistungsabfall und Konzentrationsprobleme können sich verschärfen.
  • Beeinträchtigte Medikamentenwirkung: Eine schlechte Nährstoffversorgung kann die Medikamentenwirkung negativ beeinflussen.

Langfristig kann anhaltende Appetitlosigkeit auch das Essverhalten verändern, etwa durch Frustration, sozialen Druck oder gestörte Hunger- und Sättigungssignale. Umso wichtiger ist es, frühzeitig gegenzusteuern und mögliche Anpassungen gemeinsam mit Ärztinnen, Ärzten oder Ernährungstherapeuten zu besprechen (Nanda, Dhar & Thokala, 2023).

5 Strategien gegen Appetitlosigkeit durch ADHS-Medikamente

  1. Einnahmezeitpunkt bewusst wählen

Der Zeitpunkt der Medikamenteneinnahme hat großen Einfluss auf das Hungergefühl. Ziel ist es, die stärkste Wirkphase nicht direkt mit den Hauptmahlzeiten zu verbinden (Casas et al., 2024).

Empfohlene Zeiteinteilung:

  • Frühstück vor der Einnahme: Das Hungergefühl am Morgen nutzen, um eine vollwertige Mahlzeit zu sich zu nehmen.
  • Mittagessen nach der Wirkspitze: Etwa 4–5 Stunden nach Einnahme kehrt der Appetit meist zurück.
  • Abendessen flexibel planen: So lässt sich ein verspätetes Hungergefühl besser nutzen.

Wichtig:

Änderungen des Einnahmezeitpunkts sollten immer ärztlich abgestimmt werden. Schon kleine Anpassungen können einen spürbaren Unterschied machen (Casas et al., 2024).

  1. Hochkalorische Snacks einbauen

Wenn große Portionen schwerfallen, können nährstoffreiche kleine Mahlzeiten helfen, den Energiebedarf zu decken (Casas et al., 2024).

Geeignete Snack-Ideen:

  • Nüsse, Nussmus oder Studentenfutter
  • Avocado-Toasts mit Olivenöl
  • Griechischer Joghurt mit Honig oder Datteln
  • Haferflockenriegel, Energy Balls oder selbstgemachte Müsliriegel
  • Käsewürfel mit Trauben, Birnenscheiben oder Datteln

Tipp: Snacks gut sichtbar platzieren, etwa auf dem Schreibtisch oder in der Küche (Casas et al., 2024).

  1. Flüssige Kalorien nutzen

Wenn feste Mahlzeiten schwerfallen, können flüssige Alternativen helfen, die Nährstoffzufuhr aufrechtzuerhalten (Leddy et al., 2023).

Ein rotes Neonlicht zeigt das Wort „EAT“ vor einer dunklen Backsteinwand. Die strahlenden Buchstaben symbolisieren Essensreize, die auch bei ADHS Schweiz eine Rolle im Umgang mit impulsivem Essverhalten spielen können.Beispiele für nährstoffreiche Getränke:

  • Shakes mit Vollmilch, Joghurt, Nussdrinks oder Hafermilch
  • Zusätze wie Haferflocken, Erdnussbutter, Chiasamen oder Leinöl
  • Obst und Energieträger wie Banane, Datteln, Avocado oder Mandelmus
  • Bei Bedarf medizinische Trinknahrung (nach ärztlicher Rücksprache)

Vorteil: Flüssige Kalorien werden oft besser toleriert und führen seltener zu einem starken Sättigungsgefühl (Leddy et al., 2023).

  1. Appetit durch Rituale & Atmosphäre fördern

Essen wird nicht nur durch Hunger gesteuert, sondern auch durch Umfeld und Stimmung (Leddy et al., 2023).

Hilfreich können sein:

  • Feste Mahlzeiten-Zeiten als Strukturgeber im Alltag
  • Duftende Speisen oder Gewürze wecken Lust auf Essen
  • Schön angerichtetes Essen macht mehr Appetit
  • Gemeinsames Essen mit Familie oder Freund:innen motiviert
  • Kurze Spaziergänge, Musik oder Lichtstimmung können das Hungergefühl fördern
  1. Medikamente überprüfen lassen

Wenn trotz aller Bemühungen die Appetitlosigkeit stark bleibt, sollte die medikamentöse Behandlung überprüft werden (Finn et al., 2023) .

Mögliche Optionen:

  • Dosisanpassung oder Einnahmezeit verschieben
  • Umstellung auf ein anderes Präparat mit besserer Verträglichkeit
  • Ärztlich begleitete Einnahmepausen („drug holidays“)
  • Begleitende Ernährungstherapie, um gezielt auf Nährstoffmängel einzugehen

Medikamente sollten niemals eigenständig verändert oder abgesetzt werden (Finn et al., 2023) .

Fazit: Appetitlosigkeit ernst nehmen und aktiv gegensteuern

ADHS-Medikamente können den Alltag enorm erleichtern, gleichzeitig darf man ihre Nebenwirkungen nicht unterschätzen. Appetitlosigkeit ist eine häufige, aber behandelbare Begleiterscheinung. Mit dem richtigen Know-how, individueller Anpassung und professioneller Begleitung lassen sich Medikamente und gesunde Ernährung gut miteinander vereinen.

Unser Tipp: Frühzeitig reagieren, achtsam auf den eigenen Körper hören und bei Unsicherheiten ärztlichen oder ernährungsmedizinischen Rat einholen. So bleibt die Therapie effektiv, ohne dass dabei die Ernährung auf der Strecke bleibt.

Rezensentenblock

Porträt von Dr. Almedina Berisha, Ärztin im Team von klaro-adhs.ch. Sie unterstützt Patientinnen und Patienten bei der Diagnostik und Therapie von ADHS in der Schweiz. Das Bild zeigt sie im weissen Arztkittel mit Stethoskop vor einem klaro-Hintergrund.

Almedina Berisha

Ärztin Innere Medizin
Almedina Berisha ist Ärztin für Innere Medizin mit besonderem Interesse an psychosomatischen Zusammenhängen und stressbedingten Erkrankungen. Als medizinische Reviewerin bei klaro-adhs.de prüft sie Inhalte zu ADHS und psychischer Gesundheit auf wissenschaftliche Fundierung, klinische Relevanz und eine verständliche, praxisnahe Darstellung. Ihr Fokus liegt auf der nachvollziehbaren Vermittlung komplexer medizinischer Themen.

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

  • Der Appetit lässt sich oft verbessern, indem die Einnahmezeit der Medikamente angepasst wird. Iss eine vollwertige Mahlzeit vor der Einnahme und plane Snacks nach der Wirkspitze. Hochkalorische, nährstoffreiche Mini-Mahlzeiten wie Nüsse, Avocado oder Joghurt helfen, Energie zuzuführen. Auch flüssige Kalorien – z. B. Shakes oder Smoothies – sind ideal, wenn feste Nahrung schwerfällt. Bei anhaltender Appetitlosigkeit sollte die Dosis oder Präparatauswahl ärztlich überprüft werden.

Quellenverzeichnis

  1. Nanda, A., Dhar, N., & Thokala, P. (2023). Adverse Effects of Stimulant Interventions for Attention Deficit/Hyperactivity Disorder: A Systematic Review. Cureus, 15(4), e36842. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC10601982/
  2. Casas, M., et al. (2024). Methylphenidate can help reduce weight, appetite, and food intake. Frontiers in Nutrition. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC11637853/
  3. Leddy, J. J., et al. (2023). Methylphenidate reduces energy intake and dietary fat intake in adults. The American Journal of Clinical Nutrition. https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0002916523132990
  4. Finn, D. M., et al. (2023). A case series of patients prescribed stimulant medication: appetite suppression and weight loss as side effects. Frontiers in Psychiatry / PMC. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC10726637/

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